Eindrücke: Bodensee im Herbst, Teil 5: Das Pfahlbaumuseum in Unteruhldingen

Sonntag, 28. Oktober 2012

Bodensee im Herbst, Teil 5: Das Pfahlbaumuseum in Unteruhldingen


Im Jahr 1922 begann alles. Man hatte die Idee, die archäologischen Funde von versunkenen Pfahlbaudörfern rund um den Bodensee wieder nachzubauen, um eine Vorstellung zu vermitteln, wie das Leben der Menschen am Bodensee von der Steinzeit bis zur Bronzezeit aussah. Das älteste Haus ist eine Rekonstruktion eines Hauses von ca. 4000 v. Chr.! Die Häuser der Bronzezeit beruhen auf Funden, die man auf ca. 1050 - 1000 v. Chr. datieren konnte.


 
Seit 2011 gehören die historischen Pfahlbausiedlungen am Bodensee zum UNESCO Weltkulturerbe.



Und nun begleiten Sie mich zu einem Rundgang durch das Pfahlbaumuseum.
IN den Häusern darf man nicht fotografieren. Das Pfahlbaumuseum  finanziert sich u.a. aus dem Verkauf von Bildmaterial und Büchern. Denn es ist KEIN staatliches Museum, sondern es wird bis heute mit sehr viel Engagement von einem privaten Verein geführt.
Ich möchte Ihnen aber mit dieser kleinen "Reportage" einen Vorgeschmack geben, was Sie erwartet. Alle, die sich für die Wurzeln unserer Kultur interessieren und die Gelegenheit haben an den Bodensee zu kommen, die sollten sich das Pfahlbaumuseum nicht entgehen lassen!

Über das ganze Jahr werden z. B. für Schulklassen Veranstaltungen angeboten, wo gezeigt wird, welche handwerklichen Fertigkeiten damals bekannt waren oder wie auch Essen zubereitet wurde (vom Anbau des Getreides bis zur fertigen Mahlzeit). Und sie dürfen bei Projekten z. B. selbst mal Getreide mahlen und daraus den zur Steinzeit üblichen Brei kochen. Das ist durchaus spannend in Zeiten der Tiefkühlpizza!

Um mal einen kleinen Überblick über das Gelände und die verschiedenen Rekonstruktionen zu erhalten, hier der Ausschnitt aus dem Museumsflyer.



Beginnen wir unseren Rundgang mit den zwei ältesten Häusern. Den Steinzeit-Häusern "Riedschachen". Die verschiedenen Namen der Häuser beziehen sich immer auf die verschiedenen Fundorte, nach deren "Plänen" die Häuser errichtet wurden.
1922 wurden sie hier aufgebaut und zeigen Häuser aus der Steinzeit ca. 4000 v. Chr.

Steinzeit-Häuser "Riedschachen"



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Das "Hornstaad"-Haus wurde im Jahr 1996 errichtet. Beim Bau dieses Hauses wurden nur Techniken und Handwerksgeräte verwendet, die der Zeit des Originalhauses entsprachen. Die Pfähle bestehen aus Eichenholz, der Fußbodenbelag aus Esche, Erle, Linde und Ahorn. Die Wände aus Esche, Erle, Linde, Weide und Hasel, das Dach wurde mit Schilf gedeckt. Die Wände wurden mit Lehm, Sand und Wasser abgedichtet, der Boden mit Seekreide, Sand und Lehm beschichtet. Die Seekreide hemmt auch das Pilzwachstum.
In der erstaunlichen Zeit von gerade mal 20 Tagen war es den Handwerkern des Museums möglich, das Haus zu errichten. Es waren in der Zeit 3 - 4 Personen mit dem Bau beschäftigt.
Die Bau wurde damals zusammen mit der TV-Kindersendung "Sendung mit der Maus" realisiert und gefilmt.

2009 fiel das Haus leider einem Sturm zum Opfer - was sich aber auf der anderen Seite für Archäologen als ein Glücksfall herausstellte. Sie konnten "live" erleben, auf welche Art und Weise Pfahlbauten einstürzten, wo welche Teile am Schluss lagen und wie sich im Laufe der Zeit durch Witterung und den Seegang das Haus in die Einzelbestandteile auflöste.
Man hat das Haus wieder neu aufgebaut - diesmal allerdings aus Kostengründen mit modernen Handwerksmethoden.

Steinzeit-Haus "Hornstaad" (oder auch "Maus-Haus" nach der Kindersendung)


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Das "Arbon"-Haus sticht deshalb heraus, weil bei dessen Bau mehr Nadelholz (wie z.B. Weißtanne) verwendet worden war und vor allem, weil auch das Dach mit Schindeln aus Nadelholz gedeckt worden war. Das Vorbild für dieses Haus wurde in der Schweiz im Kanton Thurgau gefunden. Dort wachsen Nadelbäume an Berghängen.

Rechts das "Hornstaad"-Haus, links das "Arbon"-Haus


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Die Steinzeitsiedlung "Sipplingen" zeigt einen richtiggehenden Dorfverband. Die Häuser bei dem Sipplinger Fund stehen mit der Längsseite parallel zum Ufer und sind von einer Palisade umgeben.

In den Häusern werden Alltagsgegenstände gezeigt, die entsprechenden Funden nachgebildet wurden. Es gab damals schon die ersten "Spezialisten", z. B. Fischer, Töpfer, Weber, Steinhauer etc.




Ein Detail auf dem letzten Bild: im Vordergrund ist ein Einbaum an den Pfahl angebunden. Einbäume waren hier am See das Haupttransportmittel, denn das Rad war noch nicht erfunden! Ein Einbaum wird aus einem einzigen Baumstamm geschnitzt; es kann also höchstens mit Wasser volllaufen, aber es kann auf keinen Fall sinken. Das Blässhuhn, das im Boot sitzt, freut's ....



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Das archäologische Grundlage für das Spätbronzezeit-Dorf "Bad Buchau" waren Siedlungsreste (ca. 1050 v. Chr.), die im Federmoor zwischen 1919 und 1928 ausgegraben wurden. Das Dorf im Museum wurde 1931 errichtet. Im Frühjahr 1976 brannte es vollständig nieder und wurde ab 1977 wieder in der ursprünglichen Form aufgebaut.



Man kannte inzwischen verschiedene Metalle, man konnte Bronze herstellen, das Handwerkszeug und die alltäglichen Gebrauchsgegenstände waren sehr viel hochwertiger, man kannte Schmuck und Verzierungen.


Sichel für Rechtshänder
Man fand bei den Ausgrabungen Sicheln mit anatomischen (!) Handgriffen. Und interessanterweise gab es Rechtshänder- und Linkshändersicheln (ca. 10%). Wenn ich daran denke, wie lange hier in Deutschland noch in Kindergärten und Schulen linkshändige Kinder zwangsweise auf rechtshändig getrimmt wurden, dann ist das schon peinlich! Menschen, die vor 3000 Jahren lebten, hatten uns in diesem Fall einiges voraus!


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Das Bronzezeit-Dorf "Unteruhldingen" wird auf das Jahr 975-953 v. Chr. datiert. Es ist also noch einmal ca. 100 Jahre jünger als "Bad Buchau". 



Abbildungen dieser Dachreiter fand man auf Zeichnungen von Häusern auf Wänden und Gegenständen. Wahrscheinlich dienten sie nicht nur der Verzierung, sondern hatten auch mystische Funktionen, wie die Abwehr von schädlichen Einflüssen von außen.


Liebe Blogleser, jetzt bin ich richtiggehend ins Erzählen gekommen. Ich könnte hier noch viel mehr schreiben, aber ich möchte Ihnen (wie eingangs erwähnt) nur einen kleinen Vorgeschmack auf das Museum geben. Ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall! In den verschiedenen Ausstellungsräumen auf dem Gelände kann man natürlich auch Originalfunde der Ausgrabungen anschauen. Außerdem gibt es immer mal wieder Sonderausstellungen.
Also auf nach Unteruhldingen!

Und hier natürlich noch der Link zur Seite des Pfahlbaumuseums (die Seite ist übrigens in verschiedenen Sprachen verfügbar!)





Kommentare:

  1. Antworten
    1. It's history of mankind to "touch". It's astounding, what special skills they already had thousand of yeas ago.

      And we were told, that the climate at that age was extremer than today - the change of cold and warm periods.... HaHaHa!! ;-)

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  2. Thanks for an amazing post. These houses look very modern in many ways. For all our modern technology we still retain our basic idea of what a house should look like.

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    1. They use the wood that grew around them. A house held about twenty years. A long time, if you think that people at that time died with 30 - 40 years. And the really amazing thing: the basic shape of a house doesn't change in all that 5000 years

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